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D‑Day

Ich wuss­te es auch nicht. Heu­te, am 6. Juni vor 75 Jah­ren war der D‑Day. Der Tag, an dem die Allier­ten in Nord­frank­reich, der Nor­man­die lan­de­ten. Es war zum einen der Tag, der am Ende Hit­ler und sein tau­send­jäh­ri­ges Reich zu Fall brach­te (zusam­men mit dem Vor­stoss der Rus­sen im Osten), es war aber auch der Tag, wo vie­le von uns gestor­ben wären, wenn wir damals gelebt hätten.

Der Alters­durch­schnitt der Gefal­le­nen lag bei 23 Jah­ren. Jeder 10. Sol­dat starb in Oma­ha Beach. Vie­le mehr wur­den ver­letzt. Es war nicht die Erfah­rung, es war nicht die Aus­rü­stung, es war nicht die indi­vi­du­el­len Fähig­kei­ten, die zum Über­le­ben führ­ten. Es war rei­ner Zufall. Rei­nes Glück. Scheisse.

Wenn man die abso­lu­ten Ver­lu­ste im Ver­hält­nis zur Ost­front setzt, war es trotz­dem nichts. Fast 27 Mil­lio­nen sowje­ti­sche Bür­ger und Mili­tärs star­ben im 2. Welt­krieg. 6‑mal die dama­li­ge Schweiz, immer noch 3‑mal die heu­ti­ge Schwei­zer Bevöl­ke­rung. Knapp 6 Mil­lio­nen Juden wur­den ermor­det. Schwu­le, Roma, kör­per­lich und gei­stig bein­träch­ti­ge wur­den zu hun­dert­tau­sen­den abge­schlach­tet. Scheisse.

75 Jah­re ist für uns lan­ge her, doch wenn man unse­re Lebens­er­war­tung anschaut, sind 75 Jah­re sehr wahr­schein­lich. 75 Jah­re schei­nen genug zu sein, um ver­ges­sen zu machen, was unse­re Gross­el­tern erlebt haben. 75 Jah­re sind ein ande­res Jahr­tau­send, eine ande­re Welt, für uns völ­lig fern und zum Teil vergessen.

Ich bin zwar etwas älter als 23, aber ich habe natür­lich auch kei­nen direk­ten Bezug zum zwei­ten Welt­krieg. Mei­ne Gross­mutter ist zwi­schen den Welt­krie­gen auf­ge­wach­sen und die Gross­vä­ter mei­ner Frau haben in der Wehr­macht gedient und waren im Krieg und danach jah­re­lang im Gulag. Doch das sind Geschich­ten, für mich schwer und kaum zu fassen.

Es gab jedoch eine Aus­nah­me: «Medal of Honor», ein Com­pu­ter­spiel, 1999 erschie­nen. Ich bin auf Oma­ha Beach gelan­det. Und gestor­ben. Und gestor­ben. Und gestor­ben. Als ich es dann end­lich irgend­wie geschafft hat­te, ich war ein­fach nur erleich­tert. Es war ein fuck­ing PC-Game, aber eben doch auch noch viel mehr.

Ich ken­ne es von mir sel­ber. Der Moment ist oft viel wich­ti­ger als alles ande­re. Wenn mein Sohn in der Nacht schreit, weil er sei­nen Nug­gi nicht mehr fin­det, ren­ne ich in sein Zim­mer, trö­ste ihn und hal­te sei­ne Hand, damit er wie­der ein­schläft. Er ist in dem Moment das Wich­tig­ste auf der Welt. Und selbst­ver­ständ­lich ist das auch rich­tig so.

Ich bin aber auch froh, dass er nicht schrei­en muss, weil er kein Essen kriegt, ich bin auch froh, dass mei­ne Klei­ne genug Mut­ter­milch bekommt, weil wir genug zu Essen haben. Ich bin froh, nicht die Wit­we zu sein, die ihren Mann und ihren Sohn inner­halb von 45 Minu­ten in Oma­ha Beach ver­liert. Ich bin extrem froh, in die­ser Zeit zu leben, ich bin extrem froh, dass unse­re Pro­ble­me völ­lig ande­re sind.

Das sind kei­ne The­men, wor­über wir uns im All­tag Gedan­ken machen. Und ich fin­de auch nicht, dass wir das ste­tig müss­ten. Aber ich fin­de, ab und zu scha­det es nicht, uns sel­ber in unse­rer Welt­ge­schich­te zu betrach­ten und zu schät­zen, was wir haben, und wel­che Opfer gebracht wur­den, von 23-jäh­ri­gen Stu­den­ten, in einem frem­den Land, ohne Erfah­rung, ohne ihr eige­nes Schick­sal beein­flus­sen zu kön­nen, damit wir heu­te die Frei­hei­ten haben, die wir so leicht ver­ges­sen. Dan­ke. Dan­ke aus tief­stem Her­zen. Dan­ke, dan­ke, danke.

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Es ist leicht, Krieg zu ver­herr­li­chen und schö­ne Action-Movies zu machen. Soll ja auch so sein. Wich­tig fin­de ich auch, Krieg dar­zu­stel­len, so scheis­se wie er ist, und sich ein Bild von den Abgrün­den und Wider­wär­tig­kei­ten die­ses Gemet­zels zu machen. Hier mei­ne Emp­feh­lun­gen für Top Anti-Krieg-Medi­en (nicht nur WW2):

Bücher: «Im Westen nichts Neu­es» und wer in die Höl­le blicken will «The kind­ly ones» (gibt es auch auf Deutsch)
Fil­me/­Mi­ni-Seri­es: «Band of Bro­thers» / «The Paci­fic», «Let­ters from Iwo Jima», «Apo­ca­lyp­se now», «Schindler’s Liste»
Games: «This War of Mine» (unglaub­lich ein­fach und gut, auch für nicht Gamer) und Medal of Honor (1999)

Bild: viel­leicht geklaut (aber für einen guten Zweck und bit­te unter­stützt Qua­li­täts­me­di­en) von: https://static.independent.co.uk/s3fs-public/thumbnails/image/2016/10/28/12/f.jpg?w968

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