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Lass uns über Kul­tur reden – Eine Stu­den­ten-Sto­ry von Nao­mi Troia­ni Teil 2

Schön, dass du (wie­der) da bist und will­kom­men zum zwei­ten Teil der Tri­lo­gie über mein Stu­den­ten­le­ben in Borås. Das Tages­ge­richt: Schwe­di­sche Kultur.

TEIL II

Zunächst ein­mal muss ich sagen, dass ich mich mit die­sem The­ma wäh­rend mei­ner gan­zen Zeit sehr inten­siv aus­ein­an­der­ge­setzt habe. Nicht nur, weil der Umzug in ein neu­es Land, das Ken­nen­ler­nen mit Men­schen aus aller Welt oder das sich-an-die-neue-Kul­tur-Gewöh­nen das so mit sich bringt. Auch aus theo­re­ti­scher Sicht. Ich muss zuge­ben (falls du das Lesen soll­test, Craig, sor­ry), ich habe die Wich­tig­keit von Geert Hof­stede und sei­ner Arbeit rund um die kul­tu­rel­len Dimen­sio­nen etwas unter‑, ja gar zu wenig wert­ge­schätzt, als ich im letz­ten Seme­ster zum ersten Mal davon gehört hat­te. (Aber um ehr­lich zu sein, wie vie­le Model­le und Theo­rien habe ich im Stu­di­um schon ler­nen müs­sen ohne, dass sie mir im “ech­ten Leben” je was gebracht haben?) Für die Dozie­ren­den hier scheint Hof­stede so was wie ein Rock­star zu sein, denn in jedem mei­ner Kur­se hat sich Vie­les um ihn und sei­ne Über­le­gun­gen gedreht. Was Sinn macht, denn in mei­nen Kur­sen ging es auch immer um ein inter­na­tio­na­les Umfeld.
Und abge­se­hen davon, lebe ich auch in einem.

War­um Schweden?
Ich kann dir vie­le Grün­de nen­nen, war­um es mich für mein Aus­tausch­se­me­ster nach Schwe­den gezo­gen hat. Ich bin hier ver­wur­zelt und hab frü­her vie­le Som­mer im Nor­den Schwe­dens ver­bracht und hat­te immer gute Erin­ne­run­gen an die­ses schö­ne Land (und die Men­schen). Ich hat­te auch immer das Gefühl, dass der Lebens­stil Schwe­dens dem der Schweiz sehr ähn­lich ist.
Und da soll­te ich Unrecht haben.
Klar, an die Spra­che, die Wäh­rung und das etwas küh­le­re Kli­ma muss­te ich mich anfangs erst mal gewöh­nen, aber da gehört noch so viel mehr dazu.
Wäh­rend unse­rer Ori­en­tie­rungs­ta­ge zu Beginn des Seme­sters gab es eine kur­ze Prä­sen­ta­ti­on über die schwe­di­sche Kul­tur, in der wir einen Über­blick über eini­ge typisch schwe­di­sche Tra­di­tio­nen, Ver­hal­tens­wei­sen und Kon­zep­te erhiel­ten. Aber erst nach und nach wur­de mir klar, dass die bei­den Län­der unter­schied­li­cher sind, als ich dach­te. Schwe­den zeich­net sich durch eini­ge Ritua­le und Tra­di­tio­nen aus, die mir unbe­kannt waren. Und ich will dir die Wich­tig­sten, die ich wäh­rend mei­ner Zeit ken­nen­ge­lernt habe, nicht vorenthalten.

Alle­manns­rät­ten, lagom, fre­dags­mys & lör­dags­go­dis und fika — war­te, WAS?
“Wol­len wir Fika machen?” Ja, ich war zunächst genau­so ver­wirrt, wie du es jetzt wahr­schein­lich bist. Aber bevor dein Kopf­ki­no los­geht muss ich dir sagen, dass das nicht (zwin­gend) ein lah­mer Anmach­ver­such ist. Fika ist die Kaf­fee­pau­se auf die schwe­di­sche Art. Es geht nicht pri­mär dar­um, einen Kaf­fee (oder Tee) zu trin­ken. Viel­mehr steht das “Socia­li­sing”, die Zeit mit sei­nem Gegen­über zu genies­sen, im Zen­trum. Es gibt kei­ne direk­te Über­set­zung für Fika und die Schwe­den wol­len das grund­sätz­lich auch nicht, da der Begriff und der Akt als sol­cher sonst sei­ne Ein­zig­ar­tig­keit ver­liert. Zum Fika gibt’s in den mei­sten Fäl­len noch eine süs­se Deli­ka­tes­se, etwa einen Kanel­bul­le (Zimt­schnecke) oder eine Sem­la. Auch hier in Borås gibt es vie­le schö­ne Cafés, die zum Fika ein­la­den. Bei­spiels­wei­se das Tant Grön — die machen die besten Kanel­bul­le! De sma­kar så gott!
Übri­gens: Schwe­den ist eines der Län­der, in denen der Kaf­fee­kon­sum pro Kopf am höch­sten ist (nach ande­ren skan­di­na­vi­schen Län­dern wie Finn­land, Nor­we­gen, Island, Däne­mark und den Nie­der­lan­den). Bevor ich her­ge­kom­men bin, war gele­gent­lich ein Cap­puc­ci­no das, was mei­nem Kaf­fee­kon­sum am näch­sten kam. Aber weil Kaf­fee prak­tisch in jedem Mit­tags­me­nü inklu­diert ist, wur­de die­se Kof­fe­in­bom­be ziem­lich schnell zu einem fixen Bestand­teil mei­ner Ernährung.

Wenn wir schon beim The­ma sind: Dir ist die Süs­sig­kei­ten-Wand im Schwe­den-Shop bei IKEA bestimmt auch schon auf­ge­fal­len. “Godis”, wie die­se Süs­sig­kei­ten genannt wer­den, gibt es in allen Far­ben und For­men. Lör­dags­go­dis (“Sams­tags-Süs­sig­kei­ten”) beschreibt das Auf­fül­len des Can­dy-Lagers, was die Schwe­den meist sams­tags machen. Da wer­den Säck­chen oder klei­ne Schach­teln nach dem pick-and-mix-Prin­zip gefüllt. Da geht mir natür­lich das Herz auf. Und mei­nem Zahn­arzt ver­mut­lich auch.

Dann gibt’s da noch “fre­dags­mys” — das schwe­di­sche Pen­dant zu TGIF (Thank God it’s Fri­day), wobei es dabei nicht um ein Fei­er­abend-Bier geht. Viel­mehr macht man es sich am Frei­tag­abend auf dem Sofa mit einer kusche­li­gen Decke gemüt­lich, isst was Ein­fa­ches wie Tacos oder Piz­za, trinkt eine Soda und zieht sich einen Film rein. In aller Regel mit dem/der Part­ne­rIn, Freun­den oder Fami­lie. Es kommt dem däni­schen “Hyg­ge” ziem­lich nahe (schon mal gehört, oder?).

Wenn du ger­ne Zeit im Frei­en ver­bringst, kommt das “alle­manns­rät­ten” — das Jeder­manns­recht — gera­de gele­gen. Es ist das Out­door-Zugangs­recht zum Wan­dern, Rad­fah­ren, Rei­ten, Ski­fah­ren und Cam­pen, wo immer man möch­te (aus­ser auf pri­va­tem oder bebau­tem Land). Das ermög­licht es dir, vie­le wun­der­schö­ne Orte zu erkun­den, aber auch Blu­men, Bee­ren oder Pil­ze zu sam­meln, Feu­er zu machen, in allen Seen zu schwim­men und so wei­ter. Die schwe­di­sche Umwelt­schutz­be­hör­de fasst es damit zusam­men, dass man “nicht stö­ren und nicht zer­stö­ren” darf. Soll­test du also nach oder in Schwe­den rei­sen, geh raus und mach vom Jeder­manns­recht Gebrauch. Es gibt eine Men­ge Orte die dar­auf war­ten, von dir ent­deckt zu wer­den (zum Bei­spiel Lapp­land oder Tive­den).


“Lagom” ist auch so ein schwe­di­scher Begriff, der nur schwer zu über­set­zen ist. Es beschreibt die schwe­di­sche Kul­tur aber ganz gut. Der Begriff geht zurück in die Wikin­ger­zeit und stammt von “laget om”, was so was wie “rund um’s Team” bedeu­tet. Die Wikin­ger haben “laget om” im Zusam­men­hang mit einem fai­ren Auf­tei­len des ver­füg­ba­ren Essen und Trin­kens im Team benutzt. Das Ziel war, dass jedes Mit­glied gleich viel bekommt.
Es ist auch oft mit dem Gesetz von Jan­te ver­bun­den, einem Ver­hal­tens­ko­dex Skan­di­na­vi­ens, der besagt, dass es unan­ge­mes­sen oder unwür­dig ist, Din­ge aus­ser­halb des Gewöhn­li­chen zu tun oder zu ehr­gei­zig zu sein.
Heu­te bedeu­tet lagom “nicht zu viel, nicht zu wenig” oder “gera­de recht”, ein Signal für Gleich­ge­wicht (was im Übri­gen stark mit der schwe­di­schen kul­tu­rel­len und sozia­len Idee von Fair­ness und Gleich­heit ver­bun­den ist). Den­noch kann es auf ver­schie­de­ne Wei­sen ver­wen­det wer­den, z.B. “Wie geht’s dir? — Lagom” oder “Das Wet­ter ist heu­te lagom”.
Lagom ist sowas wie ein Kom­pro­miss, wo sich die Schwe­den “in der Mit­te” tref­fen und sich wohl füh­len — eben gera­de recht. Mir sagt Lagom sehr zu und ich mag, dass es dar­um geht, dass nicht nie­mand als was Bes­se­res oder Spe­zi­el­les betrach­ten soll­te und dass man sich in bestimm­ten Lebens­si­tua­tio­nen mit dem Ein­fa­che­ren, dem Durch­schnitt­li­chen zufrie­den­ge­ben soll­te. Ich kann mir vor­stel­len, dass die Idee von “lagom” auch mit der höhe­ren Grund-Zufrie­den­heit der Schwe­den (und gene­rell der Skan­di­na­vi­er) zu tun hat.

Pra­tar du svenska?
Die schwe­di­sche Spra­che war mir nicht kom­plett fremd. Ich habe es im Kin­des­al­ter gele­gent­lich in mei­ner Fami­lie gehört und habe das Mei­ste immer ver­stan­den. Den­noch habe ich den Schwe­disch Anfän­ger­kurs belegt, was nicht all­zu schwie­rig war. Ich den­ke, Deutsch­spra­chi­ge haben mit Schwe­disch grund­sätz­lich nicht all­zu gros­se Mühe, da die bei­den Spra­chen nicht kom­plett unter­schied­lich sind.
Aber das Spre­chen an sich ist eine ande­re Geschich­te. Jetzt, wo es auf’s Ende mei­nes Aus­tausch­se­me­sters zugeht, könn­te ich mich (glau­be ich) schon ganz gut über mein Alter, mei­ne Fami­lie, mei­ne Her­kunft und mei­ne Kla­mot­ten, die ich heu­te tra­ge (nicht das span­nend­ste The­ma für Small-Talk, ich weiss) unter­hal­ten, nach dem Weg fra­gen oder Fika bestellen.
Dass die Schwe­den aus­ser­or­dent­lich gute Eng­lisch­kennt­nis­se haben, ist ein Fluch und ein Segen gleich­zei­tig. Anfangs war mei­ne Hemm­schwel­le noch etwas hoch und ich habe mich nicht immer getraut, Schwe­disch zu spre­chen. Dann war Eng­lisch doch die etwas ange­neh­me­re Lösung. Aber selbst wenn ich mal einen Ver­such in Schwe­disch wag­te und etwas ins Strau­cheln gekom­men bin, wech­sel­ten die mei­sten Schwe­den direkt ins Eng­li­sche. Nicht aber, weil sie unge­dul­dig waren, son­dern um mir zu hel­fen und mich bes­ser zu verstehen.

Die Locals
Ganz zu Beginn hat mir jemand gesagt, die Schwe­den sei­en etwas scheu und zurück­hal­tend. Mei­ne erste Reak­ti­on war “Nie­mals, die wer­den kaum zurück­hal­ten­der als Herr und Frau Schwei­zer sein”, ins­be­son­de­re weil ich am Abend zuvor beim Ein­kau­fen vom Kas­sie­rer ange­spro­chen und in ein län­ge­res Gespräch ver­wickelt wur­de (ich weiss nicht, ob ich nach mei­ner Ankunft beson­ders müde, erschöpft, genervt, oder sonst wie gewirkt habe, dass ich ange­spro­chen wur­de). Irgend­wie schwirr­te mir die­se Zurück­hal­tend-Sache immer im Kopf rum und je län­ger je mehr habe ich ver­stan­den, was damit gemeint ist. Tat­säch­lich kom­men die Schwe­den nicht von sich ein­fach auf dich zu (aus­ser mein Kas­sie­rer-Freund). In aller Regel habe ich die Initia­ti­ve ergrei­fen müs­sen, um ins Gespräch zu kom­men aber sobald die erste Hür­de genom­men wur­de, war das Eis schnell gebrochen.

Ich weiss, dass es schwie­rig sein kann, in einer neu­en Stadt oder in einem neu­en Land neue Leu­te zu tref­fen. Aber solan­ge man offen ist, kann fast nichts schief gehen und man fin­det schnell Anschluss. Und wenn man schon dabei ist, kann man sich ja auch zum Fika verabreden.

Ich woll­te aber nicht stän­dig in irgend­wel­chen Cafés abhän­gen und habe mei­ne Frei­zeit auf ver­schie­den­ste Arten gestal­tet. Wie? Erfahr’ näch­ste Woche, was man in und um Borås so alles machen kann.

Vi ses!

 

Nao­mi stu­diert an der FHNW in Basel Betriebs­öko­no­mie und arbei­tet neben­bei 80% bei der Roche. Das 6. Seme­ster ver­bringt sie ihm hohen Nor­den und erlebt dort einer der besten Zei­ten ihres Lebens. Sie gibt uns mit drei span­nen­den Bei­trä­gen einen Ein­blick in ihren All­tag in Schwe­den. Wer ger­ne noch mehr von Nao­mi wis­sen möch­te, kann ihren per­sön­li­chen Blog besu­chen. Wir kön­nen euch die­sen wärm­stens empfehlen.

Blog von Naomi

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